Diese und ähnliche Paradoxa prägen die Philosophie des französischen Poststrukturalisten Jacques Derrida, was ihm den Vorwurf der Verschleierung einer klaren Beschreibung seiner eigenen Philosophie – nicht zuletzt, um die Unreife und den Unsinn seiner Gedanken zu verdecken, wie einige Kritiker polemisch bemerkten – eintrug. Doch diese Kritiker übersehen, dass die Aussagen Derridas notwenig im Unklaren bleiben müssen, immer nur auf eine Wahrheit verweisen, sie andeuten, aber niemals gänzlich aussprechen können, da sich Derrida sonst selbst widersprechen würde, seine eigene Konzeption der Dekonstruktion vernichten würde. Am grundlegenden Werk seiner Theorie, der Grammatologie, wird dies offensichtlich: Im ersten Teil weist Derrida dem okzidentalen Denken von Rousseau bis Saussure einen Logozentrismus nach, also ein Denken, das das Signifikat eines Zeichens als im Zeichen präsent ansieht, einfacher ausgerückt: Der Sinn eines Zeichens – also das, worauf das Zeichen verweist; zum Beispiel verweist die Graphemsequenz „Baum“ im jeweiligen Subjekt auf eine Vorstellung von einem Baum, auf ein Bild – ist im Denken der Metaphysik des Abendlandes immer präsent und fassbar. Was dieses Denken dabei aber übergeht, ist, dass jene Vorstellung auch nur ein Abbild ist, also auch nur ein Zeichen; die Vorstellung ist nicht die wirkliche Präsenz des Bedeuteten, stattdessen verweist sie wiederum auf ein anderes Zeichen. Das Signifikat, der „Ursprung“ der Bedeutung, das, worauf der Signifikant verweist, ist nach Derrida folglich ein konstruiertes Signifkat, es existiert schlichtweg nicht. Der Ursprung ist nicht der Ursprung. Die Sprache ist demnach ein unendlicher Verweis von Zeichen, die sich ununterbrochen um einen Ursprung drehen, der niemals existierte; dies ist es auch, was Derrida die *Differenz (sic) nennt, denn der Ursprung ist niemals im Zeichen präsent, das Zeichen steht nur stellvertretend für diesen, es differiert (Differenz im Sinne des Saussaurschen Begriffes „unterschiedlich sein“; von französisch difference) vom Ursprung, und es schiebt diesen auf (vom französischen differér = aufschieben), macht ihn unerreichbar.

Jene Konstruktion von Ursprüngen lässt sich auch auf andere kulturtheoretische Bereiche übertragen, so zum Beispiel die Dichotomie von Mann und Frau. Derrida weist nach, dass der Begriff des Mannes als Zentrum angesehen wird, währenddessen der Begriff der Frau nur als von diesem abgeleitet gilt. Der Begriff Frau verweist also auf ein konstruiertes strukturelles Zentrum, den des Mannes, ist abhängig von ihm und sozusagen nur die „Entartung“, die Abweichung vom Zentrum. Diese Konstruktion gilt es zu zerstören, zu dekonstruieren.

Würde Derrida nun sein Konzept der Dekonstruktion klar und deutlich beschreiben können, so widerspräche er seiner eigenen Theorie; stattdessen kreisen seine Schriften folgerichtig nur um den Kern, können sich nur schemenhaft ausdrücken. Die Leistung Derridas deswegen als Sophismus und Blendwerk abzutun, ist in Anbetracht der Wirkung auf eine vollständige Emanzipation der Frau durch die neue Disziplin der Gender-Studies, die in Wahrheit erst durch die Dekonstruktion ermöglicht wurde, völlig verfehlt. Vielmehr sollte man sich nicht durch Theorien abschrecken lassen, die dem gesunden Menschenverstand auf den ersten Blick vollkommen zu widersprechen scheinen, und stattdessen versuchen, jene in allen ihren Implikationen nachzuvollziehen und das zu verdeutlichen, was originär schwer zu verstehen ist.

 

Literatur zu Jacques Derrida

  • Grammatologie
  • Die Schrift und die Differenz
  • Randgänge der Philosophie

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