Sicherlich ist es das größte Verdienst der kartesianischen Lehre, die Subjektivität mit der Formulierung des berühmten und oft missverstandenen „cogito ergo sum“ aus seiner schicksalshaften Unterordnung unter kirchliche, gesellschaftliche und autoritäre Normen gehoben und als alleinigen Herren eingesetzt zu haben, denn nichts weniger als die Aufklärung war eine der längerfristigen Folgen dieser Inthronisation. Das „Ich“ – es ist für die Argumentation indifferent, was nun immer substanziell darunter verstanden wird, ob Materie oder leibnitz’sche Monade – existiert nach Descartes nicht allein deshalb, weil es in der Welt als Körper verwurzelt ist, zum Beispiel einem bestimmten Beruf nachgeht oder genau diesen Körper (mit diesen und jenen Eigenschaften) besitzt; nicht das Sein konstituiert das Bewusstsein, sondern das Bewusstsein als „Ich“ existiert, weil es denkt (z.B. das reflexive Cogito, also das Auf-sich-selbst-lenken des Bewusstseins; „Ich denke, dass ich denke…“). Die Implikationen dieses Primats der Vernunft über die Umwelt reichen von einer Abschüttelung der tradierten Normen, nachdem man diese mittels der Ratio durchdacht und für nicht tragbar befunden hat, bis zur Beherrschung der Natur und der Erhebung des Menschen zum alleinigen Herren über die Welt, deren negative Auswirkungen wir in den heutigen Zeiten des Klimawandels sehr stark wahrnehmen können. Nicht zuletzt dieses Umschlagen von humanistischer aufklärerischer Befreiungsideologie in autoritäres Besitzstreben beschrieben schon Max Horkheimer und Theodor W. Adorno mit dem Begriff der Dialektik der Aufklärung (1944) unter dem Eindruck der nachaufklärerischen Nazi-Diktatur und der schlimmsten Katastrophe der Menschheit, der Shoa. Letztlich ist dies die schlimmstmögliche Implikation der kartesianischen Lehre, doch liegt ihr noch ein viel gravierenderer wenn auch in seiner geschichtlichen und politischen Tragweite nicht ansatzweise so bedeutender Fehler zugrunde. Denn wie die Arbeiten George H. Meads, Jean-Paul Sartres und Jacques Lacans nahelegen, ist eine Konstitution einer Identität, eines „Ichs“ ohne ein Gegenüber nicht möglich; erst der Blick des Anderen lässt es zu, dass ich mich von diesem Anderen abgrenze und mich dadurch als ein „Ich“ begreife. Ich bin ich, weil ich nicht ein Anderer bin. Dass mich aber der Blick des Anderen als etwas abstempeln kann, mir eine Rolle zuweisen kann, die mir selbst nicht gefällt, in der ich mich nicht wohl fühle, ist ebenfalls in dieser Bewegung mit inbegriffen, genauso, wie von einem Blick in Situationen, die ich als peinlich empfinde, beobachtet zu werden, was das Gefühl der Scham hervorruft. Ohne den Blick des Anderen dagegen würde ich mich niemals schämen, es gäbe schlichtweg keinen Grund. Ich benötige den Anderen, um eine Identität zu gewinnen, bin aber auch den negativen Auswirkungen desselben, wie der Scham, ausgeliefert.

Diese und ähnliche Gedanken werden in der sehr interessanten Arte-Sendung „Philosophie“ behandelt, die ich sehr empfehlen kann. Wenn Du Interesse hast, schau‘ sie dir unbedingt an!

Link zur Sendung: https://www.arte.tv/de/videos/078732-002-A/philosophie/

 

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