1011727Persönlichkeiten wie Winston Churchill beeindrucken und gelten als Vorbild aufgrund ihrer Festigkeit, Direktheit und Charakterstärke; sie schaffen es nur mit Hilfe ihrer Worte Menschen zu inspirieren, zu motivieren und zu einem kohärenten Ganzen zu vereinen, direkt durch eine lebendige Stimme an die Herzen zu rühren, die sich zur Maßlosigkeit steigern kann.

Nicht nur die Stimme Churchills ist maßlos, sondern sein ganzes Wesen versenkt sich in Grenzenlosigkeit; Alkohol und Zigarren konsumiert er Unmengen, gegenüber neuem Personal verhält er sich mitunter taktlos; er ist ungeduldig, impulsiv und stellenweise rasend, nur seine Ehefrau vermag ihn zur Mäßigung zu ermahnen. Damit ist aber der Mensch Winston Churchill noch nicht völlig beschrieben, denn wie uns der Film „Die Dunkelste Stunde“ beweist existiert unter der Fassade des Premierministers auch noch ein zweifelnder, zaudernder Winston Churchill, der angesichts der desolaten Situation Großbritanniens zu Beginn des Jahres 1940 in den Strudel der Selbstzweifel gerät und an sich selbst zu zerbrechen droht. Seine Gegner straucheln ebenfalls angesichts der drohenden Invasion und wollen mit Hitler verhandeln, ziehen sich zurück, verlieren den Mut, doch Churchill propagiert die Offensive, lässt sich nicht davon abbringen, sich für den Kampf gegen Deutschland und für die Befreiung Europas einzusetzen; und doch  beginnt Churchill innerlich zu zweifeln, trotz seiner bisher an den Tag gelegten Durabilität.

Ist es eine Schwäche, wenn man trotz seiner klaren Ziele angesichts der Widersätzlichkeiten des Menschseins ins Zaudern gerät? Diese Frage steht im Zentrum des Filmes, es ist eine Abhandlung über die Moral im Angesicht der Ausweglosigkeit, wenn sich die Frage stellt, ob man zu seinen Werten steht oder in die vermeintliche Sicherheit läuft, nämlich zum Gegner, wenn beide Handlungen gleichermaßen schreckliche Folgen hätten. Die Antwort auf diese Frage gibt der Film im Sinne Hegels: Es ist der falsche Weg nur die Folgen einer Handlung abzuwägen, so wie es die Gegner Churchills taten, indem sie Verhandlungen mit Hitler anstrebten, um ihren eigenen Kopf zu retten, stattdessen sollte der Wert, den der Handelnde seiner Entscheidung beilegt, im Vordergrund stehen. Da es sich bei Werten und Tugenden um sehr abstrakte Begriffe handelt, ist es nur menschlich angesichts dieser in Verlegenheit und Zweifel zu geraten; es ist sogar wichtig, jene einer regelmäßigen Prüfung zu unterziehen, denn nicht jede Tugend ist zu jeder Zeit angemessen. Die Ambiguität und Gefährlichkeit eines solchen Begriffes der Moral lässt sich zeigen, wenn man bedenkt, was aus Winston Churchill vermutlich geworden wäre, wenn er in einem faschistischen Land wie Deutschland oder Italien aufgewachsen wäre; welche Tugenden verkörperte er dann? Wäre es dann nicht möglich, dass er mit derselben Maßlosigkeit den Krieg gegen die Feinde, nämlich in diesem Falle die Alliierten verträte?

Was hat angesichts eines solchen Relativismus die Ethik Hegels für eine Berechtigung? Zwingt uns sich nicht die Erfahrung des Nationalsozialismus und die Janusgesichtigkeit des amerikanischen Weltimperialismus zu einer neuen kontrafaktischen Ethik? Meiner Ansicht nach ist es sehr richtig sich an seinen eigenen Tugenden und Werten zu orientieren, denn sonst verleugnete der Mensch jedes Mal aufs Neue, wenn er eine Entscheidung treffen muss, deren Wert einer vergangenen Handlung entgegensteht und widerspricht, denjenigen Menschen, der er vor ein paar Momenten war, er vernichtete seine Konsistenz. Nichts anderes bemerkt man häufig an Politikern, die in sich widersprüchliche Handlungen mit widersprüchlichen Argumenten begründen und dadurch an Glaubwürdigkeit und Charakter einbüßen. Stattdessen sollte der Wesenskern seiner selbst immer der Maßstab der Handlung sein, wobei aber ebenfalls die Folgen bedacht werden müssen. Sollte die menschliche Vernunft angesichts dieser ins Zaudern geraten, so muss sich derjenige die Frage stellen, wie es um seine Werte in einer kontrafaktischen Welt bestellt wäre, in der er hypothetisch situiert wäre, wenn alles anders gekommen wäre als es kam. Auch Churchill hat demnach durch sein Zaudern festgestellt, dass seine Maßlosigkeit und Festigkeit (in einer kontrafaktischen Welt) auch hätte missbraucht werden können. Eingedenk dessen hätte er seine Maßlosigkeit zügeln müssen, was aber nicht bedeutet hätte, seine Werte nicht zu vertreten, sondern dies kontrollierter zu tun.

Letzendes beweist uns Winston Churchill, dass die Tugendethik seine Berechtigung hat, doch dass diese es nicht ausschließt, ins Nachdenken zu geraten und seine Werte zu korrigieren und kanalisieren.

Zaudern ist menschlich, Vollkommenheit dagegen eine Illusion, aber erstrebenswert.

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