Jene Diskussion, ob Literatur zur Erziehung der Menschen, zur Meinungsbildung und Meinungsbekundung benutzt werden darf oder ob es sich nicht viel mehr um ein esoterisches Kulturgut handle, das auf gar keinen Fall Parallelen zum Zeitgeschehen aufweisen dürfe und stattdessen sich in ästhetischer Autonomie und Darstellung der Natur üben solle, stellt kein Einzelphänomen dar, sondern taucht zu allen Zeiten immer wieder auf, um dann als gelöst zu gelten und für kurze Zeit wieder zu verschwinden. In der jüngeren Literaturgeschichte lässt sich dieses Phänomen vor allem am Aufeinandertreffen zweier Epochen ausmachen: der Romantik und des Realismus. Während die Romantik in der Literatur eine Zuflucht vor der voranschreitenden Industrialisierung und der daraus resultierenden Zerstörung der Natur, vor der wuchernden instrumentellen Vernunft eine Heimstatt in den Tiefen der menschlichen Träume suchte, ging es dem Realismus um eine Rückbesinnung auf das Reale, Unverfremdete und Unmittelbare. Für die Romantik war die Literatur ein ästhetischer Raum, eine Höhle, ein unverbrauchtes Stück Natur, in dem man sich einrichten konnte und es nach seinem Willen gestalten und all die Bizarrerie, das Elend der Welt vergessen konnte. Der Realismus dagegen wollte die Augen wieder auf das Unmittelbare, auf die Politik und die gesellschaftlichen Zustände gerichtet sehen; die Dinge sollten nicht verfälscht, sondern viel eher in seiner realen Hässlichkeit dargestellt, die Flucht vor der Realität verhindert werden.

Doch ist diese Dichotomie von Anti-Realismus und Realismus nicht eine Konstruktion, die aus strukturellen Gründen sinnvoll erscheint, um die beiden Epochen besser voneinander abgrenzen zu können? Geht es nicht in der Literatur – egal in welcher Epoche – darum, wie sich der Schriftsteller zu seiner unmittelbaren Umgebung verhält, wie er sie wahrnimmt, in sich aufnimmt und als Ausfluss seines Genies in neue Worte gießt, die Gegebenheiten neu ausrichtet, um dem Leser seiner Wahrnehmung der Dinge mitzuteilen? In der Romantik verarbeitet der Schriftsteller die Phänomene, versucht sein Leben zu bewältigen, indem er ästhetische Räume konstruiert – die nebenbei bemerkt nicht vollständig erfunden sein können, sondern immer noch Merkmale seiner eigenen Umgebung tragen –, indem er einen Text webt, der eine bessere Welt enthält. Der realistische Schriftsteller verfährt ähnlich; er kann die Welt nicht realistisch darstellen, weil auch er sie nicht als völlig objektiver und losgelöster Geist erlebt, sondern in ihr verwurzelt und in ihrer Wahrnehmung an eine Perspektive gebunden ist. Auch seine realistische Literatur ist eine Konstruktion, ein ästhetischer Raum, und gerade deshalb muss jede Literatur auch als politische begriffen werden. Jeder Text ist auf die Metamorphose rückführbar, die im Schriftsteller stattfand, gerade weil er sich als menschliches Wesen auf die Welt mit seiner Wahrnehmung bezog. Nur weil das Ergebnis dieser Metamorphose in der Romantik von einem unmittelbaren Bezug zur Politik befreit scheint, so heißt das nicht, dass der Auslöser, die Wahrnehmungen keine politischen waren, die den Schriftsteller zur Textproduktion anhielten und dessen Material waren. In der Romantik führte so die Entfremdung von der Natur, die der Autor erfuhr und wahrnahm, zur Konstruktion von anti-realistischen Umgebungen in Textform.

Weil wir alle in der Welt verwurzelt sind, können wir keine Erfahrungen losgelöst von ihr machen. In dieser Welt existiere ich aber nicht alleine, sondern in Koexistenz mit anderen Wesen, sodass ich gezwungen bin, mich zu diesen zu verhalten und somit nicht in der Askese des kartesischen Cogito für mich selbst existieren kann. Diese Notwenigkeit macht jede Handlung notwendig zu einer solchen mit sozialen und politischen Dimensionen. Selbst wenn ich als Einsiedler abgeschieden lebe, so verhalte ich mich zu einer zwar nicht unmittelbar gegenwärtigen Gesellschaft von Menschen, durchaus aber indirekt durch den Akt des Fernbleibens. Mit Paul Watzlawick könnte man sagen: Man kann nicht nicht kommunizieren. Auch Schweigen ist eine Art des redens.

Genau deshalb ist die Diskussion um die Frage, ob Literatur politisch sein darf völlig irrelevant, denn sie ist es notwendigerweise. Die Frage, die sich eher stellt, ist, wie sehr Literatur offen politische Thesen propagiert und ausweist beziehungsweise wieviel Interpretationswillen benötigt wird, um die Einflüsse zu erkennen, die durch die innere Metamorphose im Autor in sein Werk einströmten. Man muss die Diskussion also neu ausrichten: Wie offensichtlich ist Literatur politisch?

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