Nachdem das Abitur absolviert war, man in seinem persönlichen Lebenskalender ein dickes rotes Kreuz eingetragen hat und nun optimistisch in die Zukunft sieht, kann man durchaus einmal ins Nachdenken über die Vergangenheit geraten. In meinem Falle betraf dieses Räsonieren die Inhalte dessen, was ich in den vergangenen zwölf Jahren gelernt hatte, bzw. haben sollte. Was davon ist übrig geblieben? Von welchem Fach oder Lehrer könnte ich behaupten, dass es mich in meiner persönlichen Entwicklung maßgeblich beeinflusst? Resigniert musste ich feststellen, dass wenig hängengeblieben war, vor allem die Jahre von der fünften bis zur zehnten Klasse fielen der Vergessenheit anheim.

Glaubt man marxistischen Theoretikern wie dem Pop-Philosophen Richard David Precht, so ist dies ein Symptom dafür, dass unser Schulsystem überholt sei. Die Schule sei kein Garant für das Erlernen von Wissen, sondern nur eine Anstalt für die Formung von uniformen Wesen, die „der Kapitalismus“ dann mit seinen fleischerlüsternen Klauen genüsslich verschlingen kann. So wäre die Schule vor allem eine moralische Institution, die jegliches Abweichen von der Norm sanktionierte und somit unmündige Konsummaschinen schaffe. Die Lösung sei nach Richard David Precht eine radikale Schulreform; es müsse dem Kind schlichtweg möglich sein seine Individualität frei von äußeren Zwängen zu entfalten, was mit der Hilfe von Planspielen und einer lockeren Betreuung geschehen solle. Doch ist damit das wirkliche Problem des deutschen Schulsystems getroffen? Liegt dieses tatsächlich nur in der alten marxistischen Verdinglichung des Menschen durch die kapitalistische Gesellschaft?

Ich bin der Meinung, dass die Fehler auf einer tieferen und breiteren Ebene liegen. Precht bedient sich wie viele populistische Theoretiker, denen Publicity wichtiger ist als philosophische Genauigkeit, einer monokausalen und reduktionistischen Erklärung einer vielgestaltigen Problematik. Zur Verdeutlichung möchte ich zwei Themen herausgreifen, die meiner Meinung nach einen Teil des Defektes ausmachen, wenn sie auch nur einen kleinen Teil dessen darstellen.

(I) Die soziale Problematik: Die Schule stellt einen Raum dar, in welchem Menschen in einem für Beeinflussung und Repression besonders sensiblen Raum gezwungenermaßen sehr viel Zeit miteinander verbringen, was zur Folge hat, dass sich unterhalb der Mitschüler sehr leicht eine hierarchische Struktur festigen kann. Extrovertiertere Charaktere geben die Meinungsführer und nutzen ihre Macht gegenüber sensibleren und introvertierteren Schülern aus, Kinder mit besonderen und seltenen Eigenschaften wie einem ungewöhnlichen Hobby oder ungewöhnlichen Familienstrukturen werden sehr schnell von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Kurz gesagt: Die Besonderheit des Alters der Beteiligten erhöht die Dichte der Repressalien, die auch in anderen Bereichen des Lebens spürbar sind und machen die Schule zu einem für Mobbing  prädestinierten Ort. Dies ist oftmals ein obstinates Phänomen, da Opfer dieser Repressalien manchmal aus Scham lieber schweigen und die Anfeindungen von Lehrkräften nicht bemerkt wird, was die Situation noch verschlimmert. Zuletzt kann diese Problematik die freie Entfaltung des Schülers in extremer Weise beeinträchtigen und so seinen Teil zum Scheitern einer erfolgreichen Bildung beitragen.

(II) Die institutionelle Problematik: Aufgrund vielfältiger Sparmaßnahmen fehlen oftmals dringend benötigte Gelder, um eine angemessene Bildung zu gewährleisten. Dies kann von einer unzureichenden Gebäudestruktur bis zu fehlenden Lehrmitteln reichen. Das Bildungsziel wird so unter Umständen nicht ausreichend oder gar nicht erreicht.

Es soll nicht abgestritten werden, dass die Schule durchaus eine Institution darstellt, die die Schüler formt. Doch muss dies ausschließlich in negativem Sinne gesehen werden? Wo, wenn nicht in der Schule lernen Menschen für gewöhnlich schreiben und lesen? Wo, wenn nicht in der Schule werden Kinder mit der schwierigen deutschen Geschichte vertraut und lernen so den Umgang mit einem Ballast, der nicht einfach verschwiegen werden darf? Wo, wenn nicht in der Schule lernt man das diskursive, dialektische Diskutieren, den Respekt vor der Meinung des Anderen? Genauso, wie die kapitalistische Gesellschaft nicht nur aus Negativa wie der Verdinglichung, der Entfremdung, der Ausbeutung besteht, sondern auch einen nie gekannten Wohlstand (wenn auch auf Kosten Anderer) geschaffen hat, so liegt die Wahrheit in Betreff der Schule wohl zwischen einer Disziplinarinstitution und einem Wissenstrichter. Wissen, das nach Jahren nicht mehr präsent ist, beweist nicht, dass dieses als solches nicht wissenswert sei, dass die Schule versagt habe, sondern kann viele Gründe haben: Die Vergesslichkeit des Subjekts, Interesselosigkeit etc.

Es gibt durchaus viele Probleme, die angegangen werden müssen, die Lösung kann aber nicht in einer radikalen Bildungsreform zugunsten der völligen Freiheit des Subjekts liegen, nicht in einer Anarchie. Würde diese, wenn alle Werte gleichwertig sind, wenn es keine Anleitung, keinen Fingerzeig gäbe, nicht auch die jungen Menschen orientierungslos auf dem Boden der Tatsachen liegen lassen? Wäre dies nicht genauso falsch? Die Lösung muss also in der richtigen Balance zwischen Totalitarismus und Anarchismus liegen: Ein klar gezogener Bannkreis muss die Schüler im Zaum halten, muss ihnen Orientierung und Maßregelung „bieten“, aber auch genügend Freiraum zur persönlichen Entfaltung, zum Widersprechen, zum Analysieren geben.

Das Leben ist schließlich nicht nur schlecht oder nur gut, auch wenn uns das in jüngster Vergangenheit Donald Trump und erstaunlicherweise auch Philosophen nahelegen, denn es ist vielmehr etwas dazwischen: ambig, schimärisch, dunkel, aber vor allem real.

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