yard-1214249_1280.jpgDer Schattenmensch ist eine für die Moderne typische Gestalt: Hochindividualisiert und doch Teil einer gesichtslosen Masse. Selten wurde er auf den breiten und prachtvollen Boulevards der neuen Metropolen wie London, Paris, Wien oder Prag gesehen, denn nur selten trieb es ihn an das Tageslicht, nur selten konnte man seiner prekären Existenz gewärtig werden. Sicherlich wäre der dunkle Schatten, der dem Typus des Kellermenschen mangels natürlichen Lichts tief in das Gesicht sich einprägte, auch allzu auffällig erschienen um unbemerkt an den Flaneurs vorbeizuschleichen und die Früchte der Industrialisierung und des Fortschritts zu bewundern. Auch deshalb ist der Schattenmensch in seinem „Kellerloch“ – in seiner Höhle anzufinden, in der er sein einsames Dasein fristet, und ist damit für das Auge des unbelasteten Bürgers nahezu unsichtbar. Nur ab und zu – geradezu wie Flaschenpost aus ferner Zeit erreichen uns Botschaften dieser Menschen, vor allem in Form von literarischen Meisterwerken, die wie ein Fenster in das Reich des Dunklen wirken und einen allzu tiefen Einblick in diese randständige Existenz bieten: Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ und Kafkas „Die Verwandlung“.

Der kurze Roman Dostojewskijs beginnt mit einem Geständnis: „Ich bin ein kranker Mensch… Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich.“ (1) Dieses Eingeständnis bleibt auch für den ganzen Roman programmatisch, sowohl für den essayistisch anmutenden ersten Teil und den erzählenden zweiten Teil. Im ersten Abschnitt reflektiert der Protagonist in philosophischer Manier über die von ihm kritisierten reformistischen Bestrebungen, die eine „Verbesserung des Menschen“ zum Ziele hätten; der Mensch soll durch Pädagogik zur Kontrolle seiner willkürlichen Affekte angeleitet werden und dadurch mehr Kontrolle über sich selbst erlangen. Dem setzt der Erzähler allerdings seine eigene Weltsicht entgegen: Nach seiner Ansicht seien Menschen allzu oft irrational und wollten durchaus auch das Böse; es sei schlichtweg nicht möglich „nach der Tafel zu wollen“; ein erzieherisches Projekt müsse zwangsläufig scheitern, denn das Schlechte im Menschen könne niemals ausgetrieben werden. Der Leser kann aber auch in diesem Abschnitt an wenigen Stellen einen Einblick in die Biographie des Protagonisten erhaschen: Nach einer für ihn qualvollen Jugend, über die man nur andeutungsweise erfährt – aber genug, um zu spüren, dass Gewalt eine schwerwiegende Rolle in der Erziehung des Helden spielte –, arbeitete der Protagonist in einer Behörde. Das Arbeitsleben jedoch war genauso ernüchternd, sei es, dass er von seinen Kollegen gehänselt wurde oder – was wahrscheinlicher scheint – er sich selbst einbildete nicht akzeptiert zu werden und sich deshalb grämlich in seinen Winkel zurückzog. Eines Tages aber erhielt er ein unerwartetes Erbe eines fernen Verwandten und beendete deshalb seine Karriere als Beamter; er zog sich noch tiefer in sein Kellerloch zurück, in welchem er nun sein Dasein fristet. Im zweiten erzählerischen Teil des Romans wird von zwei Situationen berichtet, in denen das vorher theoretisch ausgearbeitete physisch greifbar wird: Durch den Selbstzerstörungstriebes des namenlosen Protagonisten begibt er sich zu einem Abschiedsdiner eines alten Bekannten aus Schulzeiten, den er aber nicht ausstehen konnte, wohlwissend, dass er sich mit dieser Beteiligung selbst kompromittieren wird. So kommt es dann auch; er wird von der Abschiedsgesellschaft verhöhnt und ausgeschlossen, worauf er auf Rache sinnend zufällig bei der Prostituierten Lisa landet. Dieser präsentiert er sich in langen Gesprächen als wohltätiger Retter, der ihre prekäre Situation erkannt habe und sie aus dem Freudenhaus retten wolle, weshalb im Folgenden Lisa Hoffnung schöpft einen Ausweg aus ihrer Situation gefunden zu haben. Aus der Logik des theoretischen ersten Teiles folgend muss sich aber zwingend ergeben, dass der Protagonist jene Hoffnungen enttäuscht; ja, er demütigt sie sogar noch, indem er ihr zehn Rubel als Bezahlung für ihre Dienste überreicht, womit der Roman auch endet.

In Franz Kafkas „Verwandlung“ dagegen erwacht zu Beginn Gregor Samsa „aus unruhigen Träumen“ und findet sich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ (2) Die weitere Handlung ist für den vorliegenden Essay nicht weiter von Belang, denn mit jener Situation ist bereits die absolute Metapher (3) für die Existenzweise, die ich herauszuarbeiten bemüht bin, gegeben. Das Individuum, das sich, nachdem es aus der Individualität der Träume – denn Träume kennen und erleben nur wir selbst, sie sind oftmals nicht anderen Personen vermittelbar und a fortiori verarbeiten sie auch unsere privaten Erlebnisse – erwacht ist, plötzlich in einer unvergleichbaren Weise verändert vorfindet und von den Seinen geschieden ist, ist die Verkörperung, die bildliche Inkarnation der Abgeschiedenheit und der Isolation. Das Individuum kann sich vom einen auf den anderen Moment nicht mehr in seine Umgebung einpassen, die Ecken und Kanten reiben solange aneinander, bis eine der beiden Parteien Individuum oder Gesellschaft – nachgibt.

Es stellt sich nun aber die Frage nach dem Grund dieses Schatten-Daseins, denn sicher ist, dass jene Existenzweisen keine freiwillig gewählten, sondern durch einen gewissen Faktor erzwungen sind. Diese Frage für den namenlosen Kellermenschen aus Dostojewskijs Roman zu beantworten fällt bedeutend leichter als für den in seiner Kammer eingeschlossenen Protagonisten der „Verwandlung“, Gregor Samsa, denn den namenlosen Held zeichnet ein Charakterzug, der uns seine Verhaltensweisen nachvollziehen lässt: Schamlosigkeit. Schamlos berichtet der Held in erster Person von seinen Taten; er reflektiert über sich selbst, beurteilt seine Vergangenheit, um zu dem Schluss zu kommen, dass der Grund seiner Zurückgezogenheit in einem für die Epoche der Moderne solitärem Phänomen, der sadistischen Selbst-Verstümmelung – mit Freud könnte man von einem Todestrieb sprechen –, liegt. Auch, wenn diese Reflexion, dieses Selbstbewusstsein an seinen Verhaltensweisen nichts zu ändern vermag, so ist der Protagonist doch imstande durch Anwendung von inquisitorischer Introspektion in die Tiefen seiner Seele einzudringen und den (vermeintlichen) Grund seiner Selbstquälereien zu entdecken. (Eine von vielen Erklärung wäre, dass sich der namenlose Held mit seiner Situation als aus der Gesellschaft ausgeschlossener unbewusst arrangiert hat und nun den Ausschluss für sich selbst in ein positives Element („den Genuss der Selbstzerstörung“) wendet. Verglichen mit dieser positiven Seite einer verbrauchten Existenz steht uns der „Käfer-Held“ aus Kafkas „Die Verwandlung“ stumm und sprachlos gegenüber. Warum er das Schicksal einer grässlichen Metamorphose durchleiden musste beziehungsweise muss, bleibt hermetisch vor unserem analytischen Auge verborgen. Gregor Samsa ist stumm angesichts seiner prekären Situation und sieht sich mit der Schwere des menschlichen Schicksals, dessen Grund er nicht zu entschlüsseln vermag, konfrontiert. Die Absurdität der Sinnlosigkeit – denn Sinnlosigkeit ist auch immer ein Fehlen eines hinreichenden Grundes – des menschlichen Lebens ringt ihn nieder; Gregor ist aus dem Kreise der unbescholten Lebenden ausgeschlossen und weiß nicht warum. Natürlich: Wenn ich mich auf den Punkt eines analytischen Betrachters stelle, der außerhalb der Situation Gregor Samsas steht, so ist es durchaus möglich Erklärungen zu finden.

Oft ist auf Michel Foucaults Buch „Überwachen und Strafen“ (4) verwiesen worden, was ich selbst für durchaus plausibel halte. Denn Michel Foucault geht davon aus, dass moderne Gesellschaften durch den Mechanismus der Disziplin geprägt sind (5) . Dieser Mechanismus trennt Foucault zufolge die breite Masse in einzelne Individuen („Parzellierung“) (6) auf, welche dann voneinander getrennt analysiert und eingestuft werden (7) . Fassbar machen kann das zum Beispiel eine Schule: Die Schüler werden in ihren Leistungen unabhängig voneinander beurteilt („Parzellierung“), nur ihre eigene Leistung zählt für das Fortkommen. Prüfungen in Form von Abfragen und Klausuren analysieren die Schüler auf ihren Wissensstand hin („Analyse“). Das Entscheidende ist aber nun, dass das erzeugte Wissen (z.B. das Wissen über den Wissenstand der Schüler) eine Einteilung in Kategorien wie „gute Leistung“ und „ungenügende Leistung“ erfordert. Die Schüler werden nach einem Rang eingestuft; die Anormalen und Abweichler werden aussortiert; es werden Einteilungen nach dem Schema normal/anormal vorgenommen. Genau deshalb spricht Foucault von der Macht der Disziplinargesellschaft, denn sie teilt die Masse in überschaubare Subjekte auf, die sie überwacht und nach Kategorien einstuft, die so gut wie immer strittig sind. Fassbar wird die angesprochene Problematik beim Fall Gustl Mollath, weil dieser (aus heutiger Sicht) zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen wurde; die gesellschaftliche Einstufung von normal/anormal ist äußerst spekulativ und mit einer großen Machtfülle verbunden. Gregor Samsa stellt nun nach diesem Interpretationsansatz eine ausgeschlossene Gestalt dar, da sie aufgrund ihres Aussehens, ihres „Käfer-Seins“ nicht in die gesellschaftliche Konzeption der Normalität passt. Doch selbst dieser Ansatz Gregor als Opfer der Disziplinargesellschaft zu sehen ersetzt nicht die Offenbarung des Grundes seines SchattenDaseins aus seinem eigenen Munde. Es bleibt nichts anderes übrig – oder vielleicht ist genau das die Stärke an Kafkas Prosa – als die Undurchdringbarkeit und Unerklärbarkeit zu akzeptieren. Die Feststellung von Gilles Deleuze und Félix Guattari beweist wieder einmal ihre Richtigkeit: „Wie findet man Zugang zu Kafkas Werk? Es ist ein Rhizom, ein Bau. Das Schloß hat „vielerlei Eingänge“, deren Benutzungs- und Distributionsgesetzte man nicht genau kennt.“ (8)

Es zeigt sich aber auch, dass es sich bei beiden Charakteren um „Kellermenschen“ handelt, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden – sei es aufgrund der Verhaltensweisen selbstverschuldet oder nicht näher bestimmbarer Gründe – doch stellen sie eine negative evolutive Entwicklung dar: Die Entwicklung von dem Bewusstsein von den Gründen der Randexistenz hin zu einer vollkommenen Ratlosigkeit. Wenn man bedenkt, dass zwischen den Werken nur eine Zeitspanne von 50 Jahren liegt, so begreift man mit welcher Schnelligkeit die von Karl Marx prognostizierte Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt durch den gesellschaftlichen Fortschritt vorangeschritten war. Es ist ein Prozess, der noch nicht zu seinem Ende gekommen ist und immer noch im Gange ist. An welchem Punkte der Entwicklung ist unsere gegenwärtige Zeit anzusiedeln? Wieviel denken wir über unsere Handlungen nach? Wieviel Respekt vor dem Leben anderer, wieviel Verbundenheit mit der Gesellschaft haben wir noch? Diese Frage muss letztendlich jeder für sich selbst beantworten, da sie eine Interpretation der gegenwärtigen Lage voraussetzt; doch ich glaube, dass der Sadismus und die Selbstzerstörung wieder am Aufkeimen sind. Die Welt ist ein Schlachthaus; Dostojewskij und Kafka wussten und lehrten uns dies. Hoffentlich erinnern wir uns an ihre Botschaft rechtzeitig genug.

 

Verweise

(1) Dostojewskij, Fjodor: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, neu übersetzt von Swetlana Geier, Frankfurt a.M: Fischer 2014, S. 7.

(2) Kafka, Franz: Die Verwandlung, in: Ders.: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten. Kritische Ausgabe, Hrsg. Von Hans-Gerd Koch, Frankfurt a.M.: Fischer 2. Auflage 2015, S. 93-158, hier: S. 93.

(3) Dieser Begriff ist dem Werk Hans Blumenbergs (v.a. Ders.: Die Arbeit am Mythos, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2006 (= stw 1805)) entnommen.

(4) Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 15. Auflage 2015.

(5) Geläufiger ist der Begriff der „Disziplinargesellschaft“.

(6) Vgl. Foucault: Überwachen und Strafen, S.183f.

(7) Vgl. Ebd., S. 187f.

(8) Deleuze, Gilles; Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 10. Auflage 2017, S. 7.

Abbildung „dunkle Gasse“: https://pixabay.com/en/yard-sky-st-petersburg-russia-1214249/

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