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Wolf Wondratschek: Selbstbild mit russischem Klavier. Ullstein Verlag 2018. 272 Seiten. 22€     ISBN: 978-3-55-005070-1

Wenn Dichter Romane schreiben, so kann das Ergebnis ein ganz großes Ereignis sein, ein einzigartiges Leseerlebnis bescheren, wie es sonst nur selten zu finden ist. Die federleichte Prosa scheint dann den Leser zu umhüllen, ihn wegzutragen in andere Welten, um ihn am Ende ganz sanft und behutsam wieder auf dem Boden der Tatsachen abzustellen, glücklich und um eine wichtige Erfahrung reicher. Kurz gesagt: Wenn Literatur zur Musik wird, zur Melodie des Lebens.

Wenn man nur die prosaische Sprache des Wolf Wondratschek betrachtet und den Inhalt seines neuen Romans „Selbstbild mit russischem Klavier“ ausblendet – insofern so etwas überhaupt möglich ist –, dann trifft dieses Urteil sicherlich zu. Die Satzmelodie ist leicht und schwungvoll, kurz und bündig, präzis und treffsicher, aber auch tiefgründig beziehungsweise abgründig; lässt man die Sätze eine Weile auf sich beruhen und wägt ihren Gehalt für einen kurzen Moment ab, tut sich wahrlich ein semantischer Abgrund aus ungeahntem Leiden auf, in welchen man durch oberflächlich einfach wirkende Worte gezogen wird. Beispielsweise dann, wenn der Erzähler zu Anfang des Romans zugibt: „Ich habe es versucht, Verklärung bei klarem Verstand, bin aber gescheitert.“ (S. 9) Kürzer und dichter kann man den Abgrund des Schriftsteller-Daseins nicht formulieren: Schreiben zu wollen, aber immer das Gefühl zu haben, die eigenen Sätze könnten dem Stoff nicht gerecht werden; Versagensangst und Perfektionismus in Reinform. Selbst wenn man jenen Satz oft genug gelesen hat, scheint sich der Sinn in seiner vollständigen Fülle immer noch zu entziehen. Das ist wirklich wahre Musik.

Doch, um schließlich trotzdem auf den Inhalt zu sprechen zu kommen, geht es in diesem Roman nicht nur um Schriftsteller, wie er durch den namenlosen Ich-Erzähler – der aber große Überschneidungen mit Wondratschek selbst haben dürfte – vertreten ist, sondern um Künstler überhaupt, hauptsächlich um den russischen Konzertpianisten Suvorin. Ihn trifft der Erzähler eines Abends in einem Wiener Kaffeehaus und Suvorin beginnt von seinem ereignisreichen Leben zu erzählen, von den Licht- und Schattenseiten seiner Existenz, die sowohl von einer glanzvollen Karriere als Pianist im Sowjetrussland als auch von leidvollem Altern im Wiener Exil geprägt ist. Hohe Höhen und tiefe Abgründe. Er ist damit eine Inkarnation des vielerzählten Schicksals des vertriebenen Künstlers russischer Nationalität, die durch Lenin und Stalin ihrer Seinsweise beraubt wurden, auswandern mussten und ihre neue Heimat, das Exil gelinde gesagt nicht „vertrugen“, nie heimisch wurden. Da ist die übliche Rede von Sehnsucht, allerdings nicht nach dem Land selbst, sondern nur nach „russischer Erde“, die sich Suvorin in einem Koffer nach Wien schicken ließ, um damit nach und nach seine Freunde im wahrsten Sinne des Wortes zu be-erdigen; ein – wie ich finde – äußerst gelungenes Bild, das sich von vielen anderen Schilderungen desselben Themas erfrischend unterscheidet. Im Verlaufe des Romans kommen noch Schilderungen weiterer Sehnsüchte, nach verstorbenen Künstlerkollegen und vor allem seiner Ehefrau, hinzu; man könnte sagen, der Roman sei durchtränkt mit typisch russischer Sehnsucht, der Wehmut der Erinnerung. Ein weiteres Motiv ist aber auch die scheinbar notwenige Extravaganz des Künstlers, der sich jeden Beifall nach seinen Konzerten verbittet, um die Musik nicht durch das Hämmern und Peitschen der kalten gefühllosen Hände des (dummen) Publikums zu zerstören, so als ob es bei einem Konzert ausschließlich um die Musik an sich ginge und nicht um die Inszenierung, die Show. Zu Extravaganz mischt sich folglich auch ein wenig Weltfremdheit, die indessen durch die große Liebe sowohl zur Musik Suvorins als auch des Erzählers begründet scheint.

Mehr ist zur Handlung in ihren groben Zügen dennoch nicht zu sagen, weil sie fast ausschließlich mit jenen zwei erwähnten Motiven spielt, die auch andere Exilantenromane wie Gaito Gasdanows großartiger Roman „Nächtliche Wege“ zu ihrem Mittelpunkt haben, weshalb die Handlung dem in jenem Themenkreis geübten Leser ein wenig bekannt vorkommen dürfte, auch wenn an der einen oder anderen Stelle kleine Pfefferkörner den Roman mit Eigenheiten und unerwarteten Neuheiten würzen. Das wäre nicht weiter schlimm, denn nicht jeder Roman muss die Welt neu erfinden, doch trotzdem fehlt diesem Buch eines ganz deutlich: eine Entwicklung des Suvorin auf ein erzählerisches Ziel hin, weil spätestens nach der Hälfte des Textes es so scheint, als wäre bereits alles abgeschlossen; Suvorin tritt auf der Stelle und erzählt nur von der Vergangenheit; es fehlt der Zug in Richtung Zukunft; er wirkt wie ein Gestrandeter, der auf den Tod wartet. Aus Sicht der Handlung mag dieser Eindruck sogar erwünscht sein, doch als Leser wünscht man sich dennoch ein wenig mehr Spannung, dass Suvorin zum Beispiel endlich einmal in der Gegenwart handelt, statt nur vom Vergangenen zu berichten. Wer die Hälfte gelesen hat, erfährt nur noch wenig Neues; die Motive sind irgendwann aufgebraucht und wiederholen sich. (Um ein Gegenbeispiel zu bieten, sei der oben erwähnte Roman Gasdanows erwähnt, der zwar auch nur wenig spannungsreiche Handlung bietet, bei welchem aber jede Beobachtung und Abschweifung auch im Hinblick auf das erzählerische Ganze sitzt, nicht redundant ist und neue Blickwinkel bietet.) Dagegen geht gegen Ende des Romans alles viel zu schnell, so als ob der Autor selbst gemerkt hätte, dass er sich im Kreise drehe und er nun ein Ende machen müsse. Um nicht zu viel zu verraten: Das Ende fällt stark gegen den gut geschriebenen Beginn ab, weil sich irgendwann alles wiederholt, nicht von der Stelle kommt, um dann gegen Ende zu schnell zu einem Schluss zu kommen, um noch glaubwürdig zu sein.

Der größere Reiz aber geht von der Erzählperspektive aus, die jeden literaturwissenschaftlichen Klassifikationsversuch in Verlegenheit bringen muss, denn dadurch, dass Wondratschek keine Anführungszeichen verwendet – wie dies in der Gegenwartsliteratur häufig anzutreffen ist, quasi als Erinnerung daran, dass der Autor auch die Rezeption seiner Prosa durch den Leser, ein Vorgang von ungeheurer Komplexität, bedacht hat –, ist die Trennung zwischen Subjekt und Objekt oftmals schwierig. Es ist dann nicht klar, wer gerade spricht oder auf welche Person sich die gemachte Äußerung bezieht. Ein Beispiel dafür ist der schon oben zitierte Satz: „Ich habe es versucht, Verklärung bei klarem Verstand, bin aber gescheitert.“ Ob nun Suvorin oder der Erzähler diesen äußert ist auch nach einiger Überlegung nicht klar zu sagen. Nahezu jede Sentenz, die von Suvorin erzählt, könnte auch den Erzähler meinen. Somit wird der Roman zu einer Selbstbespiegelung des Erzählers, denn auch wenn fast der ganze Text nur von Suvorin und seinen Freunden respektive Familie handelt, so nimmt dieser letzenendes nur die Rolle eines Bildes, einer Vorlage an. Dies alles ist doch nur ein Phantasma des Autors, nicht real und nur ausgedacht, um die eigene Person zu befragen und zu bespiegeln. Der Roman zeigt quasi seine eigene Entstehung aus der Hand Wondratscheks: Suvorin ist nur eine Ausgeburt eines Schriftstellers, um die Fragen der eigenen Identität und Existenz zu beantworten. „An allem, woran Suvorin leidet, daran leide ich auch; ich erlebe die Probleme des Künstler-Daseins und die Entwurzelung ebenso täglich. Ich bin zwar kein Emigrant, doch richtig zuhause fühle ich mich hier ebenfalls nicht.“ So hörte ich während der Lektüre ständig den Autor zu mir sprechen.

Wer sich damit anfreunden kann, einige pathetische Überflüssigkeiten und Abschweifungen über das Altern, die die Handlung nicht wirklich voranbringen, sondern eher – wie schon erwähnt – auf der Stelle treten lassen und meiner Meinung nach in dieser Häufung unnötig sind – vor allem dann, wenn man wie ich davon überzeugt ist, dass Literatur in irgendeiner Art und Weise immer vom „Außergewöhnlichen“ und nicht Alltäglichen handeln muss, wirken diese Kommentare über (z.B.) die Versteifung des Rückens plump, besonders dann, wenn sie entgegen dem Talent Wondratscheks in recht simple Bilder und Vergleiche verpackt sind und keinen tiefgründigen Gedanken beinhalten, sodass man fast schon von Trivialliteratur sprechen kann – anzufreunden im Stande ist, sich von der poetischen Sprache Wolf Wondratscheks begeistern lässt und die – nicht in allen Teilen – vorhandene Tiefgründigkeit der Gedanken über das Künstler-Dasein zu schätzen weiß, der erlebt bei dieser Lektüre wirklich einen profunden Roman, der zwar in einigen Teilen der Handlung, vor allem gegen Ende zu, ausgefeilter hätte sein können, im Großen und Ganzen aber doch überzeugt.

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