In Zeiten unsagbaren technischen Fortschritts wird gerade eine Fortbewegungsart häufig marginalisiert oder als minderwertig angesehen: der Gang zu Fuß. Vielen scheint er im Vergleich zum Automobil als zu langsam, zu anstrengend oder schlicht zu „langweilig“; während er früher für große Teile der Bevölkerung die einzige Möglichkeit von A nach B zu kommen und daher eher Notwendigkeit als Genuss war, bedarf der Spaziergang heute oftmals einer Rechtfertigung. Unter diesen Umständen scheint es nur folgerichtig, dass auch in der Literatur der Spaziergang als Hauptträger einer Erzählung eher selten anzutreffen ist. Häufig ist er nur als Intermezzo gedacht, das zwischen zwei Szenen dem Protagonisten Raum zur Reflexion über das Vergangene und zum zitternden Bangen um die Zukunft bietet, doch mit zunehmendem Fortschreiten der Moderne ist der Spaziergang oder die Reise immer häufiger als solitäres Sujet anzutreffen; er scheint aus sich selbst heraus wertvoll genug zu sein, um von ihm zu erzählen. Woran das liegt und um das Genre besser kennenzulernen, möchte ich im Folgenden zwei Vertreter jenes so merkwürdigen Sujets besprechen, die ich für herausragend halte.

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Henry David Thoreau: Ktaadn. Jung und Jung, Wien 2017, 160 Seiten, 20€, ISBN: 978-3-99027-092-9.

Als erstes sei der Reisebericht Henry David Thoreaus „Ktaadn“ (indianisch für „Großer Berg“) genannt, der von der Wanderung zum gleichnamigen höchsten Berg Maines im Jahre 1846 erzählt. Eigentlich sollte es sich um eine Fahrt ins waldreiche Hinterland Maines und der Erkundung desselben zum Zweck des Erwerbs von Land, in der die unter Holzhändlern äußerst begehrte Weißkiefer beheimatet ist, handeln. Aber wer Thoreau bereits aus seinem bekanntesten Werk „Walden“ kennt, in dem er beschreibt, wie er für ein Jahr in eine selbstgebaute Hütte im Wald abseits der Gesellschaft gezogen ist, sich dort selbst versorgt und es konsequenterweise ablehnt dem Staat, wenn er ihm schon nicht zur Last falle, Steuern zu zahlen – was ihm eine Nacht im Gefängnis beschert und somit seinem Experiment ein jähes Ende setzt – der ahnt sofort, dass eine Reise aus ökonomischen Interessen nicht den Hauptteil des Berichts ausmachen kann. Diese Vorahnung bewahrheitet sich auch sofort, denn Thoreau schlägt vor die Nähe zu eben jenem Berg Ktaadn zu nutzen und ihn zu besteigen. Dabei muss man wissen, dass der Weg zu jenem Berg nicht nur nicht kartografiert und beschwerlich ist, sondern der Berg selbst bei den Indianern einem Tabu unterliegt, weil in ihrer Mythologie der Glaube herrscht, dass dies ein Frevel an der Natur wäre und der Dämon, der auf jenem Berg beheimatet ist, jeden Versuch mit eiserner Faust bestrafe. Von Beginn an ist die Wanderung zum Berg Ktaadn als großes Abenteuer, wenn nicht sogar als Versuchung an der Natur, als Erprobung der menschlichen Kräfte jenseits der gewohnten Sphären der Städte und Küsten, angelegt. Die Reise trägt stets eine metaphysische Dimension mit sich, die an der einen oder anderen Stelle durch das Gewebe des Textes hindurchscheint und ihn deshalb so interessant macht, nicht zuletzt, weil dies alles Fragen sind, die vor allem in der Moderne an starker Bedeutung gewonnen haben: Was kann der Mensch jenseits der Gesellschaft erreichen? Ist ein Leben in der Natur möglich? Gibt es das Schicksal?

9783518376058
Robert Walser: Der Spaziergang. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1985, 288 Seiten, 9,95€, ISBN: 978-3-518-37605-8.

Zwar war der Spaziergang Robert Walsers weniger ausufernd in der Gefährlichkeit und Dauer, doch nicht weniger interessant als die Wanderung Thoreaus. Der Erzähler  – den man meiner Meinung nach in Anklängen mit dem Schriftsteller Walser selbst gleichsetzten darf – berichtet zu Beginn, dass ihn nach langen Stunden des Brütens über einem Blatt Papier, vermutlich ein aktuelles literarisches Projekt, die Lust zu einem Spaziergang überkommen sei. Wie bei Thoreau übernimmt auch hier der Fußmarsch die Rolle des Befreiers aus gesellschaftlichen Zwängen und Notwendigkeiten wie bei Walser dem Schreiben als Broterwerb, kurz: als Selbstzweck an sich selbst. Anders als „Ktaadn“, das mit seiner Flucht in die Natur noch Züge der Romantik zeigt, ist Walsers Spaziergang aber dahingehend anders und auch im literarischen Sinne moderner, dass der Gang zu Fuß, das Mittel der Befreiung, nicht in die unberührte und unerschlossene Natur führt, sondern mitten hinein in die belebte Nordschweiz, mitten durch Industriegebiete und an im Handwerk arbeitenden Menschen vorbei. Der Erzähler als müßiger Spaziergänger, der sein weniges Geld mit nach damals gängiger Meinung solchem Unfug und Unnützem wie Schriftstellerei verdient, prescht vor in das Reich der „wirklich“ arbeitenden Menschen, provoziert durch seine schnippischen und ironischen Reden Bankbeamte, wohlhabende Menschen, Professoren und noch viele mehr. Er ist ein Rebell, der nicht vor der Gesellschaft flieht, sondern durch seine Anwesenheit sein Recht auf Achtung und Respekt  – was ihm aber wegen seiner Aufmüpfigkeit zwangsläufig verwehrt bleiben muss – geltend macht. Der müßige Spaziergänger ärgert sich nicht lange über seine Rolle, sondern führt sie einfach aus und schafft damit performative Fakten.

Vor diesem Hintergrund scheint es nicht weiter zu verwundern, dass Robert Walser lange Zeit unter den Zeitgenossen unbeliebt und wenig gelesen war und erst im Zuge der Studentenrevolten im Jahr 1968 zu seinem Recht als anerkannter schweizer Autor gelangte. Die Gegenwart verkennt nunmal oft Künstler, die ihrer Zeit um einiges voraus sind. Der nahezu grenzenlose Idealismus und Optimismus der „68er“ übersah aber dabei notwenig eine Facette von Walsers Werk, indem sie ihn wörtlich und damit zu ernst nahmen und die leise Ironie und Doppelbödigkeit der Texte nicht bemerkte. Bei aller Rebellion gegen gesellschaftliche Normen scheitern alle Helden Walsers an ihrer Außenseiterrolle und bleiben einsam zurück. Selbst wenn der Spaziergang des Erzählers in performativer Absicht unternommen worden wäre, so ändert dies vorläufig nichts an der Realität, solange sich die Gesellschaft nicht in der gewünschten Weise ändert. Der Widerstand scheint einem kindlichen Aufbäumen zu gleichen, einem nutzlosen Schrei, der doch eher wie ein Plätschern im Wasser anmutet und zu nichts führt; um mit Cervantes zu sprechen: ein Kampf gegen Windmühlen. Die Warnung vor überschwänglichem Fortschritts- und Revolutionsgläubigkeit, vor dem Vertrauen auf Veränderung durch Gewalt musste im Diskurs der 68er-Bewegung quasi aus Selbstschutz verschwiegen werden. Nebenbei bemerkt scheint auch bei Thoreau das Motiv der Fortschrittskritik durch, denn es ist es die fortschreitende Erschließung und Abholzung der letzten Flecken unverbrauchter Natur, die die letzten Rückzugsräume bald auflösen könnten.

Zuletzt bleibt mir allerdings die Frage, was jene beiden Werke auch jenseits der 68er-Bewegung beziehungsweise der Kritik an der Moderne lesenswert macht. Die Antwort gibt Henry David Thoreau in seinen Tagebüchern selbst, wenn er auf die allumfassende Metapher der Reise, vor allem in seiner natürlichsten und einfachsten Form, nämlich zu Fuß, hinweist: „Das Gehen (!) von A nach B ist die Geschichte eines jeden von uns.“ (1) Die Suche nach dem richtigen Lebensweg betrifft uns schließlich alle, außer man glaubt ihn schon gefunden zu haben. Doch, wer tut das schon, ohne sich selbst anlügen zu müssen?

Verwendete Literatur:

(1) Thoreau, Henry David: Ktaadn. Jung und Jung, Wien 2017, S. 154.

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