Wenn man diesen Blog als Grundlage dafür nehmen würde „wie sehr“ oder „wie viel“ ich in den letzten Monaten gelebt habe, dann wäre die Antwort sicherlich: nicht viel. Sicherlich habe ich gelebt, aber die Frage ist, wieviele Spuren man auf der Welt hinterlassen hat. Leben heißt leisten. Es scheint mir die Logik der Gegenwart zu sein, dass Menschen nicht als „Menschen an sich“ zählen, sondern nur dann wahrgenommen werden, wenn sie Berge versetzen oder mal eben kurz die Welt retten. Leider liegt es aber in der Natur der Sache, dass diese Leistung schon morgen nichts mehr wert sein kann und sich die Aufmerksamkeit in andere Gefilde flüchtet. Und dann ist man wieder nichts, fühlt sich leer und wertlos.

Seit einiger Zeit schon verfolgen mich persönliche Geister, die in ihrem harten Griff manchmal nicht genug Luft zum atmen lassen. Häufig sitze ich abends am Schreibtisch – in der Hoffnung etwas zustande zu bringen – und frage mich, wann endlich mal etwas passiert, das nicht nur alte Formen und vergangene Ereignisse reproduziert; statt sich selbst dabei zu beobachten müssen, wie Filme in einem das ewige Verlangen nach Erfolg erzeugen, endlich mal wieder das Heft in die Hand zu nehmen und wie Odysseus heroisch die Unwägbarkeiten des Zufalls zu ertragen. Dem Authentizitätswahn („Sei, wer du wirklich bist!“ – oder eher: „Erschaffe dich jeden Moment neu, denn du kannst nie gut genug sein!“) entsagen und einfach SEIN, in seinem reinen Sinn und nicht auf Kosten-Nutzen-Rechnungen basierend jede Handlung sorgfältig in ein riesiges Große-Taten-Archiv einordnend.

Wenn alles zu viel wird kann ich nichts mehr wollen. Jede Bereitschaft zu handeln liegt dann am Boden und röchelt seine letzten Atemzüge. Ich, als Zuschauer meines eigenen Verschwindens, kann nichts mehr dagegen tun.

Aber die Geister entziehen sich meinem Zugriff. Wenn sie mich im Griff haben, kann ich nicht über sie sprechen, und wenn sie mich loslassen erscheint mir alles wie ein ferner Vorhang der Dunkelheit am Horizont. Ich umkreise mich selbst und kann mich nicht fassen; die große Leere in meiner Mitte entzieht sich und macht mich doch vollständig aus; ich bin diese Leere und kann es gleichzeitig nicht begreifen.

Das Persönliche ist politisch. Wie inzwischen in weiten Teilen der Gesellschaft bekannt ist steigen die Zahlen der Burnout-Erkrankungen rasant an, während sich chronische Depressionen zu einer Volkskrankheit entwickeln; jeder fünfte Student leidet an psychischen Erkrankungen. Politische Entwicklungen scheinen im Sande zu verlaufen; das Karussell dreht sich immer weiter im Kreis, in rücksichtslos hohem Tempo. Wer da mithalten kann wird beklatscht wie ein Held und angehimmelt wie Gott, ein sarkastisches Klatschen voller Sehnsucht und Atemlosigkeit. Wer kann das auf Dauer aushalten ohne irgendwann zu fallen und nicht mehr aufstehen zu können?

Hilfe ist rar gesät. Auf eine Psychotherapie wartet man gut ein halbes Jahr, wobei der Erfolg einer Therapie ebenfalls oftmals auf sich warten lässt. Eine medikamentöse Behandlung andererseits behebt die Probleme nicht, sondern unterdrückt sie nur. Meiner Ansicht nach müssten sich vor allem die gesellschaftlichen Umstände ändern, die neben biologischen Ursachen ein Hauptverursacher von Depression und Burnout sind. Doch darauf setzt selbst der naivste Optimist nicht, weil er weiß wie resistent Systeme gegenüber Reformversuchen sind.

Es gibt Zeiten, in denen ich nur ein unverständliches Stammeln zustande bringe, das vielleicht verstörend wirkt und jeglichem Sinn entbehrt. Doch ich will nicht länger das verschweigen, was auch ein Teil von mir ist: Geister, die mich jagen; lähmende Depressionen. Ich will sie ans Licht zerren, um selbst wieder Mut zu bekommen und dem Karussell zu entkommen, wenn auch langsam und in sehr kleinen Schritten.

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