In der Schule. Ein blasser Raum und kein Ende. Man betritt ihn, um ihn zu verlassen, später, wenn alles vorbei ist. Zumindest für einen Moment ist man erlöst. Stille und Frieden legt man an der Garderobe ab, in der Hoffnung, sie gegen Vorlage eines gültigen Ausweises – der sogenannten unveränderteren Identität – wiederzubekommen; aber wer kommt aus diesem Raum schon unverändert heraus? Selbst die Stärksten sind nicht mehr dieselben; manche sind noch stärker geworden, andere herabgesunken zu einem kleinen Nichts, ein Schatten ihrer selbst, durchgedreht durch den Fleischwolf der Gesellschaft.

Ich höre ferne Stimmen wie von Sinnen bestimmen, was getan werden soll und was nicht, und wer sich nicht daran hält, der wird für das gehalten, was er in den Augen der Stärkeren ist: ein Schwächling. Jeder kann sich in diesem Moment frei entscheiden – so heißt es –, ob er gehorcht oder nicht gehorcht. Doch jeder gehorcht irgendwann, denn selbst dem an geistiger Kraft Mächtigsten würde mit der Zeit derartig die Energie schwinden, dass er nur noch den Bodensatz der Tretmühle bilden würde. So arrangiert man sich also mit seinem eigenen Versagen.

Ein Spiegelkabinett der Verzerrungen und Anpassungen. Ich bin nicht das, was ich bin, sondern derjenige, wofür andere mich halten; ob ich will oder nicht. Halten sie mich für Dreck, bin ich Dreck; halten sie mich für weniger als Dreck, bin ich weniger als Dreck.

Einer sagte zu mir, ich würde niemals in meinem Leben Sex haben. Er verriet sich selbst, indem er Sex als etwas betrachtete, das man haben müsse, wie einen Gegenstand, den man in seinen Händen hin und her wenden, befühlen und betrachten kann. Keine Spur von Liebe. Er war ein kleines gefühlloses Monster ohne Liebe, eines von vielen, das mich mit seiner Lieblosigkeit ansteckte. Lieblosigkeit mir selbst gegenüber.

Schon allein die dunkle Vorahnung an jenen Raum löste bei mir Schrecken aus, doch als ich den gefürchteten Ort schließlich betrat, zog ich nur noch den Kopf ein, um mich unsichtbar zu machen vor den Blicken der anderen. Hämische Worte prallten an mir ab und ich versuchte mir den Anschein der Härte zu geben, was auch meistens gelang. Nur selten spielte ich mit meinen besonderen Waffen, indem ich selbst Gerüchte streute, Fährten legte, die meine Peiniger trafen und so ein süßes Rachegefühl in mir verspürte. In jenem Raum wurde man zum Guerillakämpfer.

So überstand ich jene Zeit. Ich dachte, ich wäre sie ein für alle mal los. Doch meine Erfahrungen prägten mich tiefer, indem sie mein zukünftiges Verhalten in ungünstiger Weise festlegten. Ich hielt mich für Dreck, also zog ich mich dahin zurück, wo Dreck nunmal hingehörte: in den Schatten, in die Dunkelheit, ins Nirgendwo.

Pure Angst. Ich gehe eine Straße entlang und weiche allen aus, die mir entgegenkommen, trete auf die Straße, auf die Gefahr hin überfahren zu werden, und es erscheint mir als völlig normal. Der Blick gesenkt, die Gedanken fern von guten Regionen.

Schon immer war ich äußerst sensibel gegenüber Geräuschen und Vorgängen, die anderen Menschen vielleicht leichter entgehen. Emotionen und Gesichtsausdrücke konnte ich äußerst schnell deuten. Doch das ganze hatte auch einen entscheidenden Nachteil, denn mein Gehirn war sehr schnell überfordert; ich fühlte mich von überall beobachtet und jede Aktion war gegen mich gerichtet, ein Feldzug gegen meine Person.

Ich kann nichts. Nichts gelingt mir, weil mir nichts gelingen kann, weil mir nichts gelingen will, weil mir nichts gelingen soll…

Und doch schaffe ich es in letzter Zeit mir Räume zu schaffen, die alle diese Ängste suspendieren; eine Hängematte über dem rauschenden Fluss der dahinströmenden Gedanken. Wenn ich weg bin von den Orten, die mich prägten, geht es mir besser, kann ich loslassen und mich selbst erschaffen, kann ich denjenigen den Stinkfeiner zeigen, die mich klein machen wollten und nun selbst Hilfe brauchen.

Genau deshalb ist „Heimat“ für mich ein überschätzter Begriff. Freiheit gibt es nur anderswo.

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