Das Bild von mir gleicht mir nicht. Ich staune über mich selbst. Die Haare sind ganz anders, speckig, die Haut fettig von langen Nächten mit mir alleine, die Statur fast nicht mehr vorhanden, verschwunden bis an den Rand der Unmöglichkeit. Es ist nur ein Bild, und doch verstört es mich zutiefst, denn alles, was ich war, ist dadurch nicht mehr zu leugnen, es ist Schwarz auf Weiß, Farbe auf Karton, in Stein gemeißelt, wie man so sagt, ohne die genauen Auswirkungen zu kennen. Ich habe Angst vor dem, was ich war, dass es zurückkommt und mich auffrisst, mich wieder hineinzieht in die Abgründe, aus denen ich erst gekrochen bin.

Mein früheres Ich habe ich sorgsam eingeschweißt in ein weißes Leichentuch, versiegelt und versenkt, darauf hoffend, dass der See es verschluckt und nie mehr freigibt. Keine Auferstehung soll möglich sein, kein Wiederaufleben alter Wunden. Ich mochte nicht noch einmal das durchleben, was für eine lange Zeit meine Befreiung sein sollte, doch so kläglich schief ging.

Die Befreiung von den Fesseln des Selbsthasses, der mich lange Zeit ausgezeichnet hatte und jede Handlung verunmöglichte, sollte es sein. Selbsthass in Form von übermäßiger Nahrungszufuhr, die nur zu mehr Selbsthass führte. Meine Wut fand Futter an mir selbst, ich fraß mich voll, fraß mich auf. Und nun wollte ich alles unter Kontrolle haben. Trieb Sport, trieb fort in meinen Gedanken, wurde immer weniger, bis irgendwann nichts mehr übrig war, außer Hass. Der Hass trieb mich an, belebte meine Tage, zog die Energie meines Körpers in ihren Bann, weg von allem Bisherigen. Ich trieb negativen Exzess an mir selbst. Blutrünstig und rücksichtslos. Bis es nicht mehr ging.

Diese Zeit habe ich hinter mir. Und doch strömte genau heute jenes lächerliche Bild ans Ufer, das den Mörder wie ein aus Reue wild schlagendes Herz an seine Tat erinnert. Es gehört nun in  mein schwarzes Fotoalbum mit dem silbernen Knopf. Und doch bleibt es mir immer im Kopf. Die Mahnung der Toten an die Lebenden in Form eines Pappkartons: Wir sind nicht weg, nur woanders. In Gedanken. Worten. Und Bildern.

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